Die Libau-Ausgabe von 1919
Historischer Hintergrund
Kurz nach dem 9. November 1918 – dem Beginn der Novemberrevolution in Deutschland und dem Abdanken Kaiser Wilhelms II. – begann der ungeordnete Rückzug der deutschen Truppen aus Estland, Livland und Kurland. Viele Soldaten gehörten dem Landsturm an und wollten so schnell wie möglich nach Hause. Zudem zeigte die Propaganda der Arbeiter- und Soldatenräte bei ihnen Wirkung.
Am 13. November 1918 kündigte Russland den Friedensvertrag von Brest-Litowsk auf. Die abziehenden deutschen Truppen wurden von Norden durch estnische Einheiten und von Osten durch russisch-lettische Verbände der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik verfolgt. Die Reste des deutschen 8. Heeres sammelten sich in Libau (Liepāja). In der Stadt war noch die Feldpoststation 168 in Betrieb. Im Laufe des Dezember 1918 mussten die deutschen Postämter im Gebiet Ober. Ost ihre Tätigkeit einstellen. Allein in Libau arbeitete das Postamt – zur internen Abwicklung von Geschäften – noch bis zum 4. Januar 1919 weiter.
Entstehung der Ausgabe
Deutsche Kaufleute und Einwohner von Libau hatten wenig Vertrauen in die neu aufgebaute lettische Post und wollten daher die noch vorhandene deutsche Feldpost nutzen. Sie wandten sich mit einem entsprechenden Ersuchen an den deutschen Bevollmächtigten für das Baltische Gebiet, der dem Anliegen zustimmte.
Da Marken mit dem Aufdruck „Postgebiet Ob. Ost" nicht mehr verfügbar waren, veranlasste der Chef der Feldpoststation 168, Feldoberpostsekretär Schwabendissen, den Aufdruck LIBAU auf Germania-Marken. Als mögliche Beweggründe gelten: Erstens enthielten die verfügbaren Feldpoststempel keinen Ortsnamen, den der Aufdruck ersetzen sollte. Zweitens war eine getrennte Buchführung für den Einsatz von Germania-Marken im Feldpostdienst einerseits und für zivile Post mit LIBAU-Aufdruck andererseits erforderlich. Beide Argumente erwiesen sich jedoch letztlich als nicht stichhaltig, was insbesondere daran deutlich wird, wie nach dem Verbot weiterer Aufdruck-Herstellung durch das Reichspostamt Berlin am 11. Januar 1919 mit den Marken umgegangen wurde.
Die Marken
Die bei der Feldpost vorhandenen Germania-Marken zu 5, 10, 15, 20, 25 und 50 Pfennig wurden mit dem Aufdruck versehen – zunächst die niedrigeren Werte bis einschließlich 20 Pfennig, etwas später auch die beiden höheren Werte. Der Verkauf begann am 2. Januar 1919. Die Aufdruckfarben waren Violett und Rot. Es wurden zwei Gummi-Linienstempel „LIBAU" verwendet, die sich durch ihre Länge unterschieden. Standardmäßig wurde der Stempel schräg aufgesetzt, von links oben nach rechts unten. Bekannt sind darüber hinaus kopfstehende Aufdrucke, Doppeldrucke sowie Paare und Streifen mit und ohne Aufdruck.
Die Auflagen der meisten Werte sind sehr gering; lediglich die Marken zu 10 und 20 Pfennig sind etwas weniger selten. Beim 20-Pfennig-Wert existiert eine seltenere Farbvariante in Hellblauviolett, die in älterer Literatur auch als „Preußischblau" bezeichnet wird. Schriftliche Aufzeichnungen von Rudolf Otto aus Altenburg nennen für Typ I folgende Auflagen: 5 und 15 Pf. je 100 Stück, 10 und 20 Pf. je 400 Stück – Angaben, die weitgehend mit denen von Bungerz übereinstimmen.
Aufdrucke des Typs I auf Germania-Marken zu 2½, 7½ und 40 Pfennig wurden nachträglich hergestellt und sind nicht offiziell. Marken zu 2½ Pf. mit Typ-II-Aufdruck wären Teil einer weiteren Auflage geworden, gelangten jedoch nicht zur Ausgabe. Bungerz berichtete unter Vorbehalt auch von einem dritten Handstempel, der in anderen Publikationen – etwa im Michel-Katalog – keine Erwähnung findet. Eines der LIBAU-Stempel soll nach dem Verbot vom 11. Januar 1919 durch Einkerben unbrauchbar gemacht worden sein.
Aufdrucke
Laut Bungerz wurden die Aufdrucke vom 2. bis 4. Januar 1919 zunächst von Postbediensteten vorgenommen; da diese teilweise schlecht ausgeführt waren, übernahm anschließend der Amtsvorsteher selbst das Aufdrucken. Die Aufdruckfarbe kommt mitunter leicht gemischt vor – so ist bei blauen Aufdrucken gelegentlich noch etwas Rot in den Rändern sichtbar. Das Blau ist dabei niemals metallisch glänzend.
Typ I – Offiziell (violetter Aufdruck)
Typ I ist der erste, offiziell verwendete Handstempel. Anfangs tadellos ausgeführt, erscheint er auf den Werten zu 5, 10, 15 und 20 Pfennig (später auch auf 25 und 50 Pfennig). Alle echten gelaufenen Briefe tragen ausnahmslos den Typ-I-Aufdruck. Die Drucke sind klar, leicht verschmiert; die Farbe ist tief und nahezu deckend.
Charakteristische Merkmale des Typs I:
- Die Buchstaben LIBAU sind ohne jeden Defekt; die Querstriche sind klar ausgeprägt, besonders gut erkennbar bei „L" und „B".
- Das „I" zeigt Querstriche, die rechts vom Stamm kürzer sind als links.
- Die unteren Füße des „A" stehen sehr nah beieinander und sind nahezu gleich dick.
- Länge des Aufdrucks: ca. 16,2–16,4 mm; Höhe: 3,2–3,4 mm.
Detailaufnahmen der charakteristischen Buchstaben des Typs I:
Typ II – Offiziell (violetter und roter Aufdruck)
Typ II ist der zweite offizielle Handstempel mit einer Länge von 15,8–16 mm und einer Buchstabenhöhe von 3,2–3,4 mm. Anfangs war auch dieser Stempel tadellos. Im Verlauf des Gebrauchs zeigten sich jedoch charakteristische Verschleißerscheinungen:
- „L": Der rechte Querstrich oben bröckelt nach und nach ab; der Stamm neigte sich im oberen Teil nach links und wurde dünner; der Endstrich bog sich und erhielt an seiner unteren rechten Ecke eine kleine Fehlstelle. Stark verstümmelte „L"-Drucke kommen selten vor.
- „I": Bei frühen Drucken tadellos; später Verlust eines Teils der rechten Querstriche, besonders unten; danach eine winzige weiße Stelle am oberen Querstrich links, genau über dem Beginn des Grundstrichs.
- „A": Anfangs intakt; bald entstand eine weiße Stelle am Aufstrich oberhalb des Querstriches, die im Laufe der Zeit den Aufstrich gänzlich durchbrach.
Typen III bis V – Neudrucke und Fälschungen
Typ III wurde vermutlich Ende Juni 1919 beim Feldpostamt 168 angefertigt und mit rückdatierten Stempeln versehen. Philatelist Kuhn hat diesen Typ III eigenen Angaben zufolge nie im Original gesehen. Die Feldpost 168 war zwischenzeitlich von Libau nach Preekuln verlegt worden; erst nach dieser Verlegung entstanden die Typ-III-Aufdrucke.
Aufdruckeigenheiten
In der ersten Markenreihe kommen kopfstehende Aufdrucke vor. Weiterhin finden sich vielfach weitere Besonderheiten wie Doppeldrucke, die jedoch auch auf anderen Positionen auftreten können.
Auflagentabellen
Typ I – Aufdruck nur in Violett (Länge: 16,2–16,4 mm, Höhe: 3,2–3,4 mm)
| Wert | Auflage nach Michel | Auflage nach Bungerz |
|---|---|---|
| 5 Pfg. | unbekannt | 100–200 Stück |
| 10 Pfg. | unbekannt | 400–500 Stück |
| 15 Pfg. | unbekannt | 100–200 Stück |
| 20 Pfg. | unbekannt | 400–500 Stück |
| 25 Pfg. | unbekannt | lt. Bungerz nicht vorhanden |
| 50 Pfg. | unbekannt | lt. Bungerz nicht vorhanden |
Typ II – Aufdruck in Violett und Rot (Länge: 15,8–16 mm, Höhe: 3,2–3,4 mm)
| Wert | Auflage violett (Michel) | Auflage violett (Bungerz) | Auflage rot (Michel) | Auflage rot (Bungerz) |
|---|---|---|---|---|
| 5 Pfg. | 400 | 400 | 300 | 300 |
| 10 Pfg. | 5000 | 5000 | – | – |
| 15 Pfg. | 500 | 500 | 400 | 400 |
| 20 Pfg. | 1500 | 1500 | 500 | 500 |
| 25 Pfg. | 200 | 200 | 300 | 300 |
| 50 Pfg. | 300 | 300 | 200 | 200 |
Stempel
Stempeldaten kommen zwischen dem 2. Januar und maximal dem 25. März 1919 vor. Folgende Entwertungsstempel der Feldpoststation 168 wurden verwendet:
- K.D. Feldpoststation * Nr. 168 a – Datumstempel für Einschreibesendungen (R-Briefe). Dieser Stempel wurde später auf Typ-III-Aufdrucken rückdatiert eingesetzt. Das „K." (Kaiserlich) wurde aus dem Stempel entfernt; die Aptierung erfolgte nach dem 7. März 1919.
- Deutsche Feldpost * 168 b – Datumstempel für gewöhnliche Briefe. Kommt ebenfalls rückdatiert vor; meist mit der Stundenangabe „3–4N". Diese Fälschungen entstanden Ende Juni, mit dem geänderten a-Stempel und dem unveränderten b-Stempel, der zeitweilig nach Hasenpoth verliehen gewesen war.
- Paket-Korkstempel – Provisorischer Stempel für Feldpostpäckchen, da mit dem Datumstempel keine klaren Abdrücke auf Päckchenadressblättern erzielt werden konnten.
- * 168 * – Dieses Stempelgerät ist prinzipiell echt, kann aber auf der Ausgabe nicht auftreten.
- Gummistempel „LIBAU" – Dieser wurde für Postformulare genutzt; ein LIBAU-Linienstempel von 24 mm mit großem Anfangsbuchstaben wurde im Feldtelegraphenbüro zur Entwertung von Telegrammen verwendet.
Der später in Gebrauch genommene Stempel „Deutsche Feldpost 168" mit 2 Sternen kann, „echt verwendet", nicht auf der Libau-Ausgabe vorkommen. Gleiches gilt für den Stempel 168a nach Entfernung des „K.". Beide Stempel kommen jedoch auf Marken mit sowohl echten als auch falschen Aufdrucken vor. Eine fachkundige Prüfung von Stempeln und Aufdrucken ist daher unbedingt erforderlich.
Postbelege
Der Einsatz von Marken mit LIBAU-Aufdruck auf Belegen ist ab dem 2. Januar 1919 nachgewiesen und reicht bis zum 21. Januar 1919. Obwohl das Reichspostamt Berlin ab dem 11. Januar 1919 die weitere Herstellung von Aufdruck-Marken untersagte, war deren Verwendung nicht verboten. Noch bis in den März 1919 wurden Briefe mit Aufdruck-Marken frankiert aufgegeben.
Um die Beförderung privater Briefe durch die Feldpost sicherzustellen, musste festgelegt werden, wer die Feldpost nutzen durfte. Zu diesem Zweck wurden die zulässigen Postsendungen mit dem Dienststempel des deutschen Gesandten bei der lettischen und estnischen Regierung versehen.
Zensur
Briefe mit dem Stempel des deutschen Gesandten bei der lettischen und estnischen Regierung wurden in der Regel nicht kontrolliert und blieben ohne die obligatorischen Zensurstempel. Ebenso wurde Geschäftspost von bekannten, vertrauenswürdigen Firmen in der Regel nicht kontrolliert.
Portogebühren
| Sendungsart | Porto |
|---|---|
| Postkarte | 10 Pfg. |
| Normaler Brief | 20 Pfg. |
| Einschreiben | 20 Pfg. |
| Feldpostpaket 21–250 g | 20 Pfg. |
Die Portogebühren entsprachen den Tarifen des Deutschen Reiches ab dem 1. Oktober 1918.